15 Dezember 2007

Rauchspeck

Warum Kunst in der Kirche? Über diese Frage hat sich das Christentum seit seiner ästhetischen Kehre im 3. Jahrhundert immer wieder gestritten. Ausdruck des Glaubens, Gestaltwerdung des Christentums, ja sogar Verifizierung der Inkarnation waren Argumente.

Heute ist das anders, wie man schlagend einem Artikel von Tim Ackermann in der WELT entnehmen kann: "Die Interessen der Auftraggeber sind eindeutiger. 150.000 Besucher kommen jedes Jahr in den Naumburger Dom. Es sollen mehr werden. 'Mit Neo Rauch hoffen wir, mehr Besucher aus den alten Bundesländern zu locken', sagt der Dechant der Vereinigten Domstifter, Georg Graf von Zech-Burkersroda [...] Tatsächlich könnte die Rechnung des Grafen aufgehen. Noch die abgelegenste Kapelle wird zum Sehnsuchtsort, sobald ein berühmter Künstler die Hand im Spiel hatte. Das kann jeder bestätigen, der sich schon einmal auf den Landstraßen um Ronchamp verfahren hat, auf der Suche nach Le Corbusiers Notre Dame du Haut."

Das ist traurig, weil es kaum um die Sache selbst (weder der Kirche noch der Kunst) geht, sondern um Events für Baedecker-Christen.

"Irren wir uns nur nicht: mögen wir noch soviel Speck für die intellektuellen und ästhetischen Mäuse in die Falle tun, wir fangen sie doch nicht; sicher gehen diese Nascher bald wieder hindurch. Jedenfalls wollen wir uns hüten, unser Kirchenvolk, das singen, beten und eine gute Predigt hören will, auch noch zu verlieren, indem wir ihm - Kaviar vorsetzen, wo es Brot will ... Freilich wenn es Kaviar gibt, warum soll man ihn nicht anbieten? Wir wollen in kleineren Kreisen das Bedürfnis nach schönen Feiern befriedigen, die die Gaben Gottes im Gewand der Kunst anbieten. Nur dass es nicht eine Anbetung von schönen Hüllen ohne Inhalt werde!"

Diese Sätze von D. Fr. Niebergall zur "Klärung des evangelischen Kultusproblems" aus dem Jahr 1925 skizzieren entlarvend-ironisch das Problem, vor dem jede Begegnung mit zeitgenössischer Kunst im Raum der Kirche auch heute - mehr als 80 Jahre später - noch steht. Auf der einen Seite das offenkundige Interesse an der Begegnung mit zeitgenössischer Kunst, der Wunsch nach der Auseinandersetzung mit dem, was sich in der Gegenwartskultur abspielt. Auf der anderen Seite die permanente Rückbindung an die kirchlichen Interessen, die Klientel, mit der man es in der Gemeinde zu tun zu haben meint. Kunst bleibt innerkirchlich nur allzu oft bloß "Speck für ästhetische Mäuse" und könnte doch so viel mehr sein.